Romanfiguren

Freitag, 9. März 2007

Verhandlungen mit Romanfiguren XIV

Überraschend, das plötzliche Verschwinden der nächtlichen Besucher beunruhigte mich. Während ich auf die leeren Dächer blickte, wurde mir klar, dass ich aus einer chemischen Verbindung hervorgegangen war, die ständig in Aufruhr ist. Sie setzt sich zusammen aus Erinnerungen, Hoffnungen, Ängsten, Träumen, dem Umkreisen der Wälder, aus Namen, die kommen, Namen, die vorbeischlendern, Namen, die verblassen. Nach 150 Jahren haben sie auch diese Ulme gefällt. In der Nacht darauf blieb Ysaj aus, die Straße vor meinem Haus leer.

(...)

Ein Riss durchzieht die Abendluft. Nein, nicht mich. Ich sammle die Kerzen ein für die Totenwache und finde Jolanda neben dem schmerzenden Baumstumpf. Sie sitzt inmitten der Späne, die über den Rasen verstreut sind. In mir ballt sich Kälte gegen die neue Wunde, ich wünsche mir Worte wie Säure, die sich durch Fleisch und Metall ätzen, Worte aus Donner, Worte, die Äxte zersplittern, schartige Worte, Buchstaben, die Starre hervorrufen, Sätze, die Tod gebären. Man könnte meinen, es tut mit der Zeit weniger weh. Aber das stimmt nicht. Der Schmerz seziert uns nur konzentrierter. Jolanda weint stumm, reglos wache ich neben ihr, kein Laut trägt die Wunde.


Romanfiguren

Sonntag, 25. Februar 2007

Verhandlungen mit Romanfiguren XIII

Uns aber dürstet nach Zungen!
Wir bauten Babylon und wollten Flügel, Helios zu küssen.
Was ist dieses erbärmliche Leben gegen solchen Kuss?


Ich kann sehen, wie Ysaj zurücksinkt aufs Dach, die Gestalten drängen sich zusammen gegen den Regen, eine graue Masse im Dunkel. Nun schleiche ich durch die Wohnung, ich mache kein Licht, stolpere über die lästigen Kabel. Verflucht. Ich hasse meine Texte. Sie machen den Kaffee unerträglich bitter, vernebeln mir den Tag, rotten sich zusammen mit allerlei Geschreibe, nehmen Form und Gliedmaßen an, belagern mich bei Nacht. Sie haben Legionen zu Freunden, ich aber bin allein.


Romanfiguren

Sonntag, 28. Januar 2007

Verhandlungen mit Romanfiguren XII

Die Figuren aber wollten nicht verblassen. Sämtlich befreit aus ihrem Gefängnis der Sätze, Zeilen und Buchstaben saßen sie Nacht für Nacht stumm ums Haus, als hielten sie eine Totenwache. Meine Befürchtungen waren gegenstandslos, ich konnte an der Sprache scheitern, ohne dass es eine Auswirkung auf sie gehabt hätte. Im Nebel des Novemberneumonds glaubte ich, zum ersten Mal andere mythische Gestalten unter ihnen zu erkennen. Antike Götter gesellten sich zu Dorian Gray und Darth Vader, Forrest Gump saß einvernehmlich neben Quetzalcoatl, der einen exotischen Lampion am Gürtel trug, Siddharta und Mr. Watson schlenderten zu Ysaj. Mir war nicht klar, worauf sie Nacht für Nacht warteten. Waren sie gekommen, ein letztes Geleit zu geben? Was lag dort aufgebahrt und wurde allnächtlich stumm von ihnen bewacht? Jede Nacht kamen mehr, ich entdeckte unbekanne Figuren aus nie gelesenen Romanen und wußte plötzlich um jede ihrer Geschichten. Selbst wenn ich nicht am Fenster stand, konnte ich sie sehen. Wie sie bei Anbruch der Dämmerung das Haus okkupierten, stumme Reihen bildeteten, ja sogar die Dächer gegenüber erklommen und sich dort niederließen. Jolanda immer unter ihnen. Nie erschien sie als Erste, diese Rolle war Ysaj zugedacht, deren roter Zorn keine Niederlage hinnahm. Für sie war der Roman nur eine weitere Herausforderung, gegen die sie ihren Kopf senken konnte, unsichtbare Hörner, bereit zur Attacke. Im Schlepptau den Tannhäuser.
Jolanda erschien später und blieb bis zum Morgengrauen, was mich nicht wunderte. Schließlich hatte sie die Antwort, die mir gleichgültig geworden war. Alle Antworten waren - oder gehörten - begraben, lagen neben den toten Lesern und den Fragen, in friedlicher, unschuldiger Ruhe. Ich versuchte, es ihnen begreiflich zu machen. Vom Fenster aus rief ich in die kühle Dezemberluft, sie sollten verschwinden. Ich ging hinunter zu ihnen, durchschritt ihre Reihen, flüsterte es in ihre bereitwilligen Ohren. Schrieb es auf die letzte Seite des Romans.. Nichts. Mit jedem fallenden Abend waren sie wieder da.


Romanfiguren

Dienstag, 25. Juli 2006

Bei Nacht

So viele Träume auf so engen Pfaden...
Wohin könnten wir uns wenden, denn zu uns?
Sprachs und legte ihren Traum aufs brache Feld.


(Erneut: Für Regina)


Romanfiguren

Montag, 26. Juni 2006

Verhandlungen mit Romanfiguren - Zwischenbilanz

Was Ysaj nicht mag:
- wenn Schriftsteller behaupten, Dichter zu sein
- Toast Hawaii
- agressive Autofahrer

Was Ysaj mag:
- Nachtschwimmen im Mittelmeer
- Maulbeeren, die roten
- große, lichte Innenhöfe


Was Jolanda nicht mag:
- Uhren
- Englische Touristen, die ohne T-Shirt herumlaufen
- Schwarzen Tee, der zu lange gezogen

Was Jolanda mag:
- Den frischen Schaum auf dem Mocca
- Salamander
- Wenn die See am Morgen spiegelglatt ist


Romanfiguren

Sonntag, 18. Juni 2006

Verhandlungen mit Romanfiguren XI

"Du legst Dich unter die Ulme, um zu sterben. Darum bist du gekommen, nur darum".
"Ich habe die Worte verloren, allesamt, und kann sie nicht wiederfinden".
"Finde neue. Überall sind Worte".
"Ich habe alle Worte verloren, verstehst Du denn nicht? Und Gott hat aus ihnen eine Milchstraße gemacht. Schaut her! rief er wie ein beschränktes Kind, mein neues Schmuckstück!, als er sich die Galaxien um den Hals hängte und durch das Gras über den Hügel tanzte, bis wir ihn nicht mehr sehen konnten. Nun braucht er mich nicht mehr".
"Aber wir brauchen Dich! Du musst die Geschichte schreiben!"
"Ich habe keine Worte mehr. Begreif doch endlich. Keine Worte : Kein Leben".
"Wenn Du sie nicht schreibst, werde ich..."

Ihr Profil, im Schatten, plötzlich traurig, grau. Wie alt sie doch ist, uralt.



Romanfiguren


bcb

Montag, 29. Mai 2006

Verhandlungen mit Romanfiguren X

Wir sitzen auf der sonnengegerbten Veranda, ich wollte nicht schon wieder unmittelbar bei einem Gewässer sein und Jolanda stimmte, schulterzuckend, zu. So viel Violett in diesem Abend, ein das Indigo bedrängendes Purpur, vom verlassenen Strand unten über den ganzen Westhorizont gespannt. Im Rücken, köstlich herb, der Duft von gegrilltem Fisch mit Knoblauch.
"Komm von der Brüstung weg und hilf mir".
Das Messer gleitet durch die Zitronen, ich beobachte meine Hände, so als wären es die Hände einer Anderen. Wieder bin ich hier, an der kargen, wilden Küste. Alles wiederholt sich ohne mein Zutun, gleitet an mir ab, ich kann nicht Fuß fassen und kann nicht gehen. Oh ja, einfach davongehen. Unmöglich.
Sie verteilt Teller und Bestecke auf dem Tisch, vier Gedecke. Beim unmittelbaren Einsetzen der Zikaden, deren Klang den Traum in die Wirklichkeit holt, könnte ich heulen. Nicht nur weinen und diese Spannung im Gaumen lösen, sondern heulen wie ein Hund oder ein Wolf, ein wildes Tier im Augenblick plötzlichen Schmerzes. Diesen Laut festhalten. Der Wunsch schwillt an und mit ihm der Wille, den Widerhall meines Heulens von den Klippen zu hören, geworfen über die ganze Küste. Bis es wieder bei mir ankommt, verstärkt vom hungrigen Jagen unter dem Violett. Sie aber legt mir stummen Fisch auf den Teller und deutet auf die beiden leeren Gedecke: "Wir essen heute allein, Du und Du und ich und ich".
Ich bin so müde, ich will nicht fragen, was das nun wieder bedeutet, so müde, dass es mich einfach nicht interessiert, was sie sagen will, nicht einmal, wo Ysaj ist. Das unterdrückte Heulen raubt mir alle Kraft. Doch sehe ich meine Hände den Fisch auf die leeren Teller verteilen und höre meinen Mund sagen: "In Ordnung! Hier! Und hier Jolanda zwei! Bitteschön! Und nun guten Appetit!". Dann fällt die Gabel in die nun leere Schüssel, ein durchdringender Laut, der Zitronensaft spritzt über die Gläser. Wir essen schweigend im plötzlich ebenso stummen Abendwind.

Du kannst nicht leugnen dass Du hier bist und dort bist. Wann hast Du begonnen, die Welt mit diesen fremden Augen zu sehen? Hast Du darauf eine Antwort? Diese Fremde, diese Zerrissenheit, als Du begannst, deren Unart anzunehmen, unsere Geschichte an unseren Kriegen zu messen und nicht an unseren Dichtern. Dabei hat man es Dir nicht mal beibringen müssen. Jetzt hast Du es vergessen und liest Bücher. Formst Laute. Du kannst nichts davon hinschreiben außer Krieg und Geschichte. Das ist alles. Sie haben nichts schreiben können über das Reißen im Gaumen und wie der Schrei sich in den Kiefer bohrt, bis hinunter zum Steißbein die Wirbelsäule durchfährt. Gar nichts haben sie durch die Zeit gerettet. Du sitzt bei ihnen und ißt Ihre Buchstaben, dann kommst Du her, nicht satt, nicht hungrig.

"Jolanda?"
"Iß Deinen Fisch!"



Romanfiguren

Freitag, 19. Mai 2006

Verhandlungen mit Romanfiguren IX

Es wurde immer zum Widerstreit, da Ysaj meine Zukunft lebt, während ich ihr Glieder aus Vergangenheit und Laub schreibe. Immer treffe ich Jolanda und sie an tiefen Gewässern, an der tiefen Angelegenheit, sogar wenn ich mein Leben von ihnen abwenden will; sogar dann, manchmal gar, immer häufiger, werde ich unmerklich zum Brunnen, in dem sich - trotz aller Schwärze - unsere Gesichter spiegeln und zu einem einzigen Antlitz verschwimmen, das stumm ist und weich, offenen Auges weich. In Ysajs Hand zögert der Sturm und es ist mein Orkan, den ich beschwichtigend ausatme, statt ihn zu leben, seit ich denken kann, während auf Jolandas Lippen sein Auge liegt wie eine Feigenkern oder eine Rosine.
Da! zieht sie ihre Augenbrauen zusammen: Schon wieder lässt Du Dir Optionen offen!: Alles, was jetzt kommt, das kenne ich.

Donnerstag, 30. März 2006

Verhandlungen mit Romanfiguren VIII

"Du brauchst gar nicht so mit dem Fuß zu wippen".
"Hmh?"
"Sag einfach, was Dir nicht passt".
"Ich möchte viel lieber über den Tag auf dem Spielplatz sprechen".
"Welcher Spielplatz?"
"Der große, in Zagreb. Der am Park".
"So groß ist er gar nicht, er erschien Dir nur immer groß weil Du ein Kind warst".
"Du warst ein Kind!"
"Nein. Ich war alt".
"Also gut: Wir waren Kinder und wir waren alt".
"Nein, Du warst ein Kind und ich war alt".

Seufzen.

"Ich erinnere mich, wie ich auf dieser langen, bootsartigen Schaukel stand, weißt Du noch, die hinten links, auf der man mit Mehreren hintereinander sitzen und schaukeln konnte; beide Hände an den Stangen, mit dem ganzen Körper holte ich Schwung an dem Tag. Und ich sang. Aus voller Kehle".
"Warum erinnerst Du Dich daran?"
"Weil ich glücklich war. Es war ein Moment reinen Glücks, der mich plötzlich überkam, wie ich da so sang und schaukelte. Es hatte etwas Ekstatisches, dieses Schaukeln und Singen ... und Sein. Einfach: Sein".
"Ich erinnere mich daran, dass es ein Moment in der Fremde war".
"In der Fremde?"
"Ja, Du hast Deutsch gesungen. Deutsche Kinderlieder auf einem kroatischen Spielplatz. Weil Du nämlich keine kroatischen Kinderlieder mehr kanntest. Also hast Du mich Deutsche Kinderlieder auf der Schaukel singen lassen. Das Herz schlug mir so heftig, dass ich dachte, es würde vor lauter Freude aus meiner Kehle springen und mitschaukeln. Oder tanzen dort auf dem Sand".
"Erst sangst Du leise. Weil es Lieder in Deutscher Sprache waren..."
"Ja. Und dann, mitten in diesem Rausch, es sang mich, es sang und sang und sang sich in mir, aus mir, da kam dieser kroatische Junge. An der Art, wie er sich umdrehte zu den voll besetzten Bänken, sah ich, dass die Erwachsenen ihn geschickt hatten. Ich ließ die Schaukel auspendeln, damit ich hören konnte, was er sagte".
"Du hörtest auf zu singen".
"Ja. Er platzte da herein und nahm mir den Schwung".
Nicken.
"Dann fragte er in gebrochenen Silben: "Schepereschen Sie Dojtsch?"
"Und Du sagtest: Ja".
"Ich sagte ja."
"Siehst Du?"
"Was?"
"Du sagtest ja in diesem magischen Moment, den Du als Glück hingeschrieben hattest - und die Würfel waren gefallen".
"..." (Er drehte sich um und lief weg ohne ein weiteres Wort)
"Ich spreche Deutsch, mhm? Ich spreche Deutsch - huh!"
"Halt den Mund!"

Sonntag, 26. März 2006

Verhandlungen mit Romanfiguren VII

In Dubrovnik, der Perle, wars, da fühlten wir uns plötzlich heimisch. Dem Land das erste Mal zugehörig mit unseren Medusenwurzeln, die auf den Wellen reigen. Ich trank den Schatten Ragusas aus deiner Hand und dort, in der Mulde deines Handtellers, war meine Geschichte, gleich neben dem bleichen Versprechen einer goldenen Zukunft an weißen Küsten. Hier warst du an Land gekommen, hier wurde ich von den Wellen auf die Felsen gelegt und streifte Salz und Nixenwünsche ab, kroch unter die Zypressen und staunte die Beine an, dieses geteilte Geschenk der Erde, gänzlich von glatter Seele bedeckt, die beschlossen hatte, von jetzt an Haut zu sein; ein Fremdes, Schaumbeborenes in Gaias Reich.

Damals warst du noch nicht sprachlos. "Zehen", lachtest du, "schau nur, ich habe Zehen!" Dem blauen Schoss entkrochen wir, um niemals geboren zu werden, denn wir, wir waren die See. Warum wir in die Arme der Zeit flohen, weißt du es noch? Ich kann mich nicht entsinnen. Schnelle Schiffe mit roten Segeln fuhren uns entgegen aus einer achäischen Vergangenheit, die uns noch Zukunft war. Heute warte ich auf die Beltanefeuer, um dir zu sagen: Es war die Zeit, die uns verriet, uns ohne Geburtsrecht ließ, eingesponnen in den Fäden ihrer linearen Welt. Warte auf die Beltanefeuer, dich zu erinnern an die Ulmen.


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