Variationen

Samstag, 20. Januar 2007

Die Wahrheit und das Wahre XIII

Worüber ich nachsann, ohne es in Frage zu stellen, ist die Aussage, man könne nur jemanden heiraten, den man als für mehr im Bunde mit dem Leben erachtet, als man selbst es ist. Mr war, als hätte ich selbst dies geschrieben, so vertraut schienen mir diese Worte, so selbstverständlich. Was haben Sie mir vorgelesen, als ich schlief?

Geno Hartlaub. Zwischen all dem Weiß wirkten Sie so verloren und Ihr Atem erinnerte mich irgendwie an "Die Uhr der Träume". Dieser Satz kommt wirklich darin vor.

Samstag, 20. Mai 2006

Über die Liebe zum Atemlosen IV

Kein Mond, kein Stern.
Eine dunke Woge
fährt sausend hoch,
überwölbt uns und stürzt:
Liebe.

Toyotama Tsuno


zw1

Dienstag, 7. März 2006

Mensch sei dein Name (VIII)

Offener Brief an George Walker Bush

Mir fällt es schwer, der Anrede einen Titel hinzuzufügen wie etwa "Präsident", gleichwohl Sie sich ganz sicher als Führer einer mächtigen Nation sehen. Und dieser Brief mag ungelesen und ungehört verhallen in den Wogen einer erbärmlichen Zeit, deren Fortschritt Sie propagieren, befürworten, vorantreiben - dagegen mag ich machtlos sein; ich, ein Niemand in Ihren Augen, eine Bastlerin der Worte, eine von Milliarden Ameisen unter Ihrem - wie Sie denken - Adlerblick. Es ist nicht wichtig, ob dieser Brief von Ihnen oder sonst irgendjemandem gelesen wird; übermorgen fahre ich gen Westen und werde vielleich Freunde treffen, deren Kindern ich auch in Zukunft offen, wenngleich nicht unbeschwert, in die Augen blicken möchte - und darum muß dieser Brief geschrieben werden: Für Lilly und Rico und alle anderen Kinder dieser Welt.
Als ich ein Kind war, glaubte ich an die Ehre großer Männer, an Helden, an Verantwortungsbewußtsein der Mächtigen, obwohl ich nicht einmal den Begriff Verantwortung kannte, war mein Glaube an die Integrität der Landesväter so allumfassend, dass ich in Frieden lebte. So kindlich, so naiv dieser Frieden gewesen sein mag, so sehr ihn ein sozialistisches Regime humaner Coleur geprägt haben mag, so bitter war mein Erwachen, als ich zum ersten Mal begriff, was die westliche Welt tatsächlich lenkt. Freiheit, das große Ideal, an das ich mein Herz schon als Minderjährige verlor, gilt nichts vor der Härte des Dollar und der energiepolitischen Interessen eines infantilen Staates USA, dem sogar der simple Begriff Energiesparen böhmisches Dorf ist, ja: Zumutng. Sie, als der gewählte Präsident eines bis an die Zähne bewaffneten Landes, möchten uns eben diese Freiheit als Antriebsfeder Ihres Handelns verkaufen, Sie spinnen ein Märchen nach dem anderen im Glauben, dieses Blendwerk hätte Bestand. Doch Sie vergessen:

Als am besagten 11. September die grauenvolle Katastrophe New York City heimsuchte, war ich online. Ihre Rede konnte über AOL live im Internet verfolgt werden - und ich sah Ihre Augen. Sah die kaum verhohlene Freude darin, einen Anlaß zu haben, endlich einen Anlaß. Hatte ein unsäglich grausames Gefühl einer schwebenden Bedrohung in mir, das sogar bis hin zur Frage ging, ob Sie es nicht im Vorfeld gewußt haben mögen und ob des ersehnten Anlasses nichts unternommen. So weit ging mein Unbehagen, als ich Ihre Augen sah - und bis heute haben Sie nichts getan, nichts unternommen, das dieses Unbehagen entkräftet hätte.
Nach einer wirklich innigen Email an eine mir liebe Person habe ich die Freiheit, hier bei einem Glas Chianti zu sitzen und fühle mich dennoch nicht frei. Außerhalb dieser Wände liegt das Netz, dass Sie in den Köpfen der Menschen zu spinnen gedenken, damit niemand hinterfragt, niemand widerspricht, niemand vergleicht. Aber ich vergleiche. Hinterfrage. Benenne. Ungelenk, unbedarft, ja: unwissend, der Spiegel wirft das Unbehagen zurück und potenziert es jeden Tag. Jeden Tag.

Ohne das Grauen von Nine Eleven beschönigen zu wollen, drängt sich die Frage auf, was daran rechtfertigt, geltendes Völkerrecht zu brechen und entgegen einer UN-Resolution ein Land militärisch zu überfallen. Das, was Sie und die Medien zum untragbaren Affont, zum Angriff auf die freie Welt, erklärt haben, ist anderen Völkern, ohne das Einschreiten ihrer hehren Ideale, über Jahrzehnte zugemutet worden. Sic: Gilt ergo als zumutbar? Ich verwehre mich gegen die Unterteilung von Völkern und somit Menschen in solche erster, zweiter und dritter Klasse und daraus folgert sich die bohrende Frage, wieso Palästinensern ein Leben zugemutet werden kann, dessen Ansätze Sie für Amerikaner als unmenschlich betiteln. Zu Recht. Aber es gilt dann ebenso für jeden anderen Menschen!
Auch möchte ich daran erinnern, dass durch das Veto der USA in Fragen des Embargos gegen den Irak binnen der Embargojahre eben dort erfassterweise über 150.000 Säuglinge (realistischere Schätzungen, die nicht erfasste Fälle mit einschließen, sprechen von 600.000) Mangels der Möglichkeit, Babynahrung einzuführen, verhungerten. Ich mag mir gar nicht ausmalen, zu welchen Mitteln die USA gegriffen hätten, wäre ein solches - und vermeidbares! - Säuglingssterben in Ihrem Lande aus solcher Ignoranz entstanden. Ich muss es auch nicht aussprechen, jedeR weiß es: Zu absoulut jedem Mittel, keine Gewalt scheuend. Die Nahostpolitik der USA hat eben jenen Extremismus mit initiiert, ja gezeugt - und dies sehr wohl bewußt -, den sie jetzt als Terrorismus vor dem Abendland "bekämpft". Damit haben die USA nicht nur die Sicherheit und Menschenwürde der Menschen in Nahost mit Füssen getreten, sondern ebenfalls die ihrer sogenannten Verbündeten: Wie ein Hund nur einen Hund zeugen kann, so zeugt Gewalt immer nur neue Gewalt.

Die militärische Okkupation des Irak bricht nicht nur jedes Völkerrecht, sie exponiert die gesamte nichtislamische Welt in das Zielfernrohr von Extremisten und/oder Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben außer ihre kulturelle Identität. Sie stellt ein Kriegsverbrechen dar, schamlos und kaltblütig durchgeführt vor den Augen einer schlafenden und/oder eingeschüchterten Weltöffentlichkeit. Sie ist MORD. Ich wiederhole: Mord. Seit nahezu dreieinhalb Jahren bricht Ihr Land die Genfer Konvention und inhaftiert Menschen ohne jeden juristischen Beistand, der Willkür und teilweise der Folter ausgesetzt. Der Magen dreht sich mir um beim Gedanken daran, welche Welt Sie und Ihresgleichen für unsere Kinder zu hinterlassen gedenken. Sie sind hiermit aufgefordert, den internationalen Gerichtshof anzuerkennen und sich dort vor einem unparteiischen Tribunal (so dies überhaupt gefunden werden kann!!) für Ihre Kriegsverbrechen und Ihre Verbrechen gegen geltendes Völkerrecht zu verantworten. Bringen Sie Blair mit. Sie sind aufgefordert, unverzüglich juristischen Beistand für die Inhaftierten in M. Bay nicht nur zuzulassen, sondern anzuordnen. Sie sind ferner aufgefordert, Ihr Amt ebenso unverzüglich niederzulegen - nicht nur ob der schon genannten Verbrechen, sondern auch ob der Tatsache, dass Sie, als gewählter Volksvertreter, die USA auf einem Kurs belassen, der ihre langfristige Isolation innerhalb der Völkergemeinschaft garantiert. Für lange, sehr lange Zeit.
Zuletzt haben Sie mein Mitleid. Aufgrund der Ihren Aktionen folgenden und folgernden Auswirkungen für diese Welt jedoch: Ein begrenztes. Denn für mich gilt wahrhaftig, nicht nur als pseudo-ethische Attrappe: Verhandlungen mit Verbrechern sind inakzeptabel - es sei denn, Verantwortung für Leben gebietet sie.

[Die Marionette Bush könnte, selbst wenn sie wollte, diese Entscheidung gar nicht treffen. Zu sehr hängt sie in der seit Jahrhunderten überholten Säugetierpolitikersicht diverser Kreise, die immer noch nicht verstanden haben, dass wir an der Schwelle zum Weltall stehen, sic: einer raumfahrenden Spezies. Leben gilt ihnen nichts. Business dafür alles]

Montag, 6. März 2006

Die Wahrheit und das Wahre XI

Ich schrieb es in Zucker. Ich schrieb es in Salz.
Sie kamen, einer nach dem anderen, und sahen keinen Unterschied.
Die Ameisen wohl. Und die Ziegen.

[Für Zlatica]

Donnerstag, 2. März 2006

Mensch sei dein Name (VI)

Heute habe ich verstanden, was das Krähenpäarchen sich bei Sonnenaufgang erzählte. Sie bemerkten mich, bevor ich sie sah, duldeten aber meine Anwesenheit unter ihrem Baum, kommentierten nicht einmal die Morgenzigarette auf der Terrasse. Wußten Sie, dass die Rabenvögel uns lächerlich finden? Vor allem ob unserer Dummheit: Uns fehle jedwede weitblickende Kognitivität. Und plump sei der Mensch, unglaublich plump. Wie sie sich so darüber auslassen, murmele ich: Ihr erwartet zuviel von einem Landgetier. Zwei Paar kohlschwarze Augen sehen mich an. Ihr Glitzern buchstabiert homo ferox in den erwachenden Tag, kein Augenblick Verwunderung darüber, dass ich sie verstand. Die weibliche Nebelkrähe spreizt die Flügel, bevor sie mich direkt anspricht: "Aber dass Ihr Euch gegenseitig die Füße waschen könnt nach langen, staubigen Tagen, dass Ihr Hände habt, Euch den Durst von den Seelen zu kosen, das neiden wir Euch". Dann wendet sie sich zum Gruß an die Sonne, öffnet die Schwingen vollständig, reckt die Brust ins Licht. Im nächsten Moment steigen beide auf, besetzen einen anderen Baum, dabei die Drosseln aufschreckend. Gerade weit genug entfernt, dass ich sie nicht mehr belauschen kann.

Dienstag, 28. Februar 2006

Mensch sei dein Name (V)


29-1jpg


[Abzug vom letzten Film meines gefallenen Cousins, der Film war noch in der Kamera, als er fiel]

Mensch sei dein Name (IV)


Before the beginning of years,
There came to the making of man
Time, with a gift of tears;
Grief, with a glas that ran;

Pleasure, with pain for leaven;
Summer, with flowers that fell;
Remembrance fallen from heaven,
And madness risen from hell;

Strength without hands to smite;
Love that endures for a breath;
Night, the shadow of light,
And life, the shadow of death.

And the high gods took in hand
Fire, and the falling of tears,
And a measure of sliding sand
From under the feet of the years;

And froth and drift of the sea;
And dust of the laboring earth;
And bodies of things to be
In the houses of death and birth;

And wrought with weeping and laughter,
And fashioned with loathing and love,
With life before and after,
And death below and above,

For a day and a night and a morrow,
That his strength might endure for a span,
With travail and heavy sorrow,
The holy spirit of man.

From the winds of the north and the south,
They gathered as unto strife;
They breathed upon his mouth,
They filled his body with life;

Eyesight and speech they wrought
For the veils of the soul therein,
A time for labor and thought,
A time to serve and to sin;

They gave him light in his ways,
And love, and a space for delight,
And beauty and length of days,
And night, and sleep in the night.

His speech is a burning fire;
With his lips he travaileth;
In his heart is a blind desire,
In his eyes foreknowledge of death;
He weaves, and is clothed with derision;
Sows, and he shall not reap;
His life is a watch or a vision
Between a sleep and a sleep.

[Algernon Swinburne, Chorus aus "Atalanta in Calydon"]

Mensch sei dein Name (II)

"Blut will ich sammeln, Gebein dazufügen,
Will hinstellen den Menschen: Mensch sei dein Name".

[Babylonischer Schöpfungsmythos, um 1950 v. Chr.]

Mensch sei dein Name (I)

"Zu wem spreche ich heut?
Es gibt keine Gerechten
Die Erde ist den Übeltätern überlassen!
Zu wem spreche ich heut?
Zu wem spreche ich heut?
Und ersehne einen Trost.
Ich bin mit Elend belanden
Die Sünde, die das Leben schlägt,
Sie ist ohne Ende.....
Der Tod steht heute vor mir,
Wie der Duft von Myrrhen,
Wie wenn man an windigen Tagen
unter dem Sonnensegel sitzt.
Der Tod steht heute vor mir,
Wie der Duft von Lotusblumen,
Wie wenn man mit Freunden am kühlen Ufer sitzt...
Wie wenn jemand Sehnsucht nach seiner Heimat hat,
Der viele Jahre in Gefangenschaft weilte...."

[Papyrus "Streit des Lebensmüden mit seiner Seele", etwa 2600 v. Chr.]

Montag, 13. Februar 2006

Die Wahrheit und das Wahre X

Der Himmel hängt tiefer hier auf dem Lande. Vielleicht ist er mir darum weiter, weil er sich an das Land schmiegt, somit näher scheint. Während meine Schuhe beim Spaziergang die letzten Sonnenstrahlen einfangen denke ich darüber nach, warum wir dieser Leidenschaft so schnell anheimfallen, alles personifizieren zu müssen. Macht es die Einsamkeit erträglicher, die ein ständiger Begleiter des Menschen ist? Wenn wir sagen, der Himmel ist hier näher, fühlen wir uns dann weniger entblößt, weniger anheimgegeben seiner Urgewalt? Wenn ich sage, der Himmel ist hier weiter, gibt mir dieses Bild eine laute Hoffnung auf mehr Möglichkeiten? Nur weil mein Städterauge mehr vom Azur erhascht?
Ich weiß, dass die Sonne nicht auf- und nicht untergeht. Ich weiß, dass die Rotation der Erde diese Ilusion hervorruft. Trotzdem geht mir die Sonne auf und sie geht mir unter, dann gibt es Tage, da brauche ich diese Bewegung, den Aufstieg der Sonne zum Zenit und ihren Abschied am Abend.. Damit ich mir ein Bild flackern kann, vergänglich, nur im Gedicht beheimatet, das besagt, meine Schritte würden ihre Strahlen unter meinen Schuhen einfangen. Dabei weiß ich, es geht um Vitamin D. Um körperliche Notwendigkeiten, eine Art dunkler Nemesis, die Welten schafft, auf dass sie uns angenehmer wird. Dem Auge aber ist nach Azur und nach Aurora und nach dem Farbenspiel, das Ehrfurcht gebiert. Uns Raum öffnet. Oder einfach hinzudichtet, auch wenn da kein Raum ist. Ich weiß, dass die Galaxie unermeßlich groß ist und, gemessen am Universum, unendlich klein. Und doch greife ich nach den Sternen und lege sie meinen Liebsten auf die Kissen, damit ihnen der Schlaf erzählt vom Anschmiegen des Himmels an die Erde. Hier, auf dem Lande.


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