Texte

Sonntag, 30. Juli 2006

Kommunion

Dann bereitete sich Annula auf ihre Heilige Kommunion vor, eine Zeit, in der auch die klügsten Kinder zu Fanatikern werden. Sie bestand darauf, mich zu taufen, bevor meine Seele in die Hölle käme. Es handelte sich um eine Notlage, eine Laientaufe war also gerechtfertigt. An einem Sabbatnachmittag folgte ich ihr in das warme, schleimige Wasser des Hudson. Wir standen bis zu den Knien drin. "Tiefer", befahl sie. Ihr Kleid bauschte sich auf dem Wasser: "Tiefer!" Als uns das Wasser schließlich bis an die Schultern reichte, sagte sie, ich solle den Kopf untertauchen. Sie wollte nachhelfen; sie drückte meinen Kopf nach unten. Nachher sagte sie, dies sei wichtig. Mein Kopf sei groß und jüdisch und benötige eine ordentliche Portion Wasser. Ich spürte das Summen in ihrer Brust, als sie lateinische Gesänge anstimmte, und dann kämpfte ich mit allem, was ich hatte, gegen meine Liebste. Zuletzt biß ich ihr in die Hand, da ließ sie mich los.

Ich schoß hoch hinauf in den kalten blauen Himmel, und einen Augenblick lang blieb alles so still wie unter Wasser. Dann rann mir das Wasser aus den Ohren, ich konnte Annula lachen hören und konnte nicht aufhören, mit ihr zu ringen, zu kratzen, zu beißen, zu schreien.

Tagelang ließ mich die Panik nicht los. Ich dachte, da ich schon fast gestorben war, könnte mich der Tod immer noch einholen; die Tage, die vergingen, könnten sich als Illusion erweisen. Der Tod war so einfach: eine Mädchenhand wie ein Stahlpoller im Wasser. Mir fiel auf, wie flach mein Atem ging. Wüde es einen nächsten Atezmzug geben?

Ich wartete, ich zählte. Eines Tages schlief ich nicht und verbrachte den ganzen Tag mit Zählen. An diesem Tag holte ich vierundzwanzigtausendvierhundertachtzigmal Luft. Die Zahl schien mir von tückischer Regelmäßigkeit zu sein: durchschinntlich eintausendzwanzig Atemzüge in der Stunde. Wäre ich nicht so aufgeregt gewesen, hätten es auch genau tausend sein können. Am nächsten Tag zählte ich das Blinzeln meiner Augen. Aber meine hinterhältigen Augen wollten nicht blinzeln, wenn sie sich beobachtet fühlten.

In einem Alter, in dem die meisten Menschen ihren Körper als Verbündeten ansehen, als einen Quell der Freude, hatte ich den meinen bereits als Feind identifiziert, als Verräter, auch wenn er scheinbar gut zu mir war. Und die böse Kraft dahinter war die Natur.

Deshalb begann ich mich für die Wissenschaft zu interessieren. Ich verliebte mich in die Natur, wie man sich in eine kalte Frau verliebt, die die Zuneigung, die man ihr entgegenbringt, selten erwidert. Ich beschloß, mein ganzes Leben dem Versuch zu widmen, sie zu verstehen.



[Aus: Der Doktor braucht ein Heim, Irene Dische, Suhrkamp Verlag]


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Montag, 3. Juli 2006

The winner takes it all

Die Freundschaft hat manchmal eine Größe, die der Liebe fremd ist. Sie wird durch Schwierigkeiten noch gestärkt, während die Liebe daran zugrunde geht. Sie hält der Zeit stand, die die Paare mit Überdruß erfüllt und entzweit. Sie erreicht Höhen, die die Liebe nicht kennt.

[Mariama Ba]


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Montag, 12. Juni 2006

Emile, der Esel

"Frauen offenbaren in ihren Erkenntnissen Beweise anhaltender Repression. In George Sands Tagebuch stoßen wir auf folgenden Zwischenfall: Zola machte ihr den Hof und sie gewährte ihm schließlich eine Liebesnacht. Weil sie dann eine völlig ungezügelte Sinnlichkeit bewies, legte er, als er ging, Geld auf den Nachttisch, womit er andeuten wollte, dass eine leidenschaftliche Frau eine Dirne sei".

[Anais Nin: Die neue Empfindsamkeit]


Bocca die Rosa



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Sonntag, 11. Juni 2006

Rezept

Alles ist psychosomatisch.
Wörtlich genommen ist auch die Liebe psychosomatisch. Und sie ist sehr heilsam. Ich wollte sie meinen Patienten schon oft verschreiben. Aber ich wusste nicht wie.



[Der Arzt in "Liebe", Hörspiel von Koraljka Meštrović, aus dem Kroatischen von Jana Mayer-Kristić]


Texte

Montag, 29. Mai 2006

Ferrum Phosphoricum

Als ihm seine Frau berichtete, sie habe Julián und Penélope in einer eindeutigen Situation gesehen, ging für ihn die Welt in Flammen auf. Der Schrecken und der Verrat, die unsägliche Wut, in seinem eigenen Spiel an der Nase herumgeführt und von dem betrogen worden zu sein, den er aufs Podest zu heben gelernt hatte wie sich selbst - das alles stürmte so mächtig auf ihn ein, daß niemand seine Reaktion verstehen konnte. Als der Arzt, der Penélope untersuchen kam, bestätigte, daß sie entjungfert worden war, spürte Don Ricardo Aldaya nur noch blinden Haß. Der Tag, an dem er Penélope im Zimmer des dritten Stockes einzuschließen befahl, war auch der Tag, an dem sein Niedergang einsetzte. Alles, was er von da an tat, war nur noch Ausdruck der Selbstzerstörung.



Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes

Samstag, 18. März 2006

Jutta Dornheim :: Unsterblich sterblich



nicht einerlei

dieser waldboden ist kein
waldboden
wenn du einen löffel
voll aufnimmst
ist darin erde – vielleicht, und anders
als
a rose is a rose is a rose ist eine
rose der stein und vom wald-
boden
allein die krume
kann dir
auf der zunge zergehn .


~~~~~~~~~~~


prognose

unsterblichkeit
erlangen einst
die sich mehren
ohne beieinander
zu sein

unsterblich sterblich
müssen bleiben
die aus
herzsprüngen
entstehn


unsterblich

Montag, 30. Januar 2006

Wörtlich (I)


(Wohin gehst?
In Bett.
Bist Du denn müder?
Ja.)

Wenn verschließe Augen sehe Dich. Jede Nacht. Bevor einschlafe. Dann mich quält Atem.
Atme Schwere meiner Suche, meiner Spur. Durch Wald Wellens Angst. Jedes Aufatmen Gefahr. Dass finde Wahrheit. Versteckt unter Kissen. Unter Laken. Unter Deinen Gedanken im Traum. In Beuge Deines Arms. Nächtlich Träne. Eine nach einer. Bis Morgen aufflammt.


(Wenn Dir es sich schläft geh in Bett.
Will. )

[Wörtlich aus dem Kroatischen. Darin "gedacht" und auf "Deutsch" niedergeschrieben]


titel06 (mp3, 3,728 KB)
(Waltz Beauty, Craig Armstrong)
Dank an neo-bazi für die technische Unterstützung

Sonntag, 20. November 2005

Michele

Michele aber sagte dort Schwarz, wo die Zeitungen immer Weiß gesagt hatten; und es gab für ihn nichts in diesen zwanzig Jahren, was gut gewesen wäre; vielmehr war seiner Meinung nach alles falsch, was seit zwanzig Jahren in Italien getan worden war. Mussolini, seine Minister, alle wichtigen Persönlichkeiten des Regimes und überhaupt alle, die irgend etwas zählten, waren für ihn Banditen. Er sagte wirklich und wahrhaftig "Banditen", und mir blieb der Mund offenstehen, wenn ich ihn dererlei Dinge so selbstsicher, so ruhig und so sorglos behaupten hörte.

Mir war immer gesagt worden, Mussolini sei zumindest ein Genie; seine Minister seien, gering gesagt, große Männer; die Gauleiter seien, ganz bescheiden ausgedrückt, hochintelligente, anständige Menschen; und auch auf alle die kleineren Funktionäre könne man sich mit geschlossenen Augen verlassen. Michele aber wendete sozusagen unter meinen Augen den Pfannekuchen um und erklärte alle diese Leute für Banditen.



[Cesira, Alberto Moravia]


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Sonntag, 6. November 2005

Narrenehre

Dann stand ich hinter den Kulissen rum und hatte Ehrfurcht vor den Exaltierten, den ewig Aufgeregten, den Schauspielern, die sich die echten Töne selber nicht mehr glaubten und deshalb gleich die falschen aus dem Sack ziehn, die, um am großen alten Echtheitszweifel nicht zu verzweifeln, um an der Angstidee: "Ich selber bin die frei erfundene Figur", nicht durchzudrehen, das Gegenspiel in Szene setzen, die Kaschperei als Eigenschöpfungsakt und als Fanal: "Wir sind die anderen, geschminkt, verschmiert, stigmatisiert vom falschen Ton".
Frei kam das dem Kind vor, angefeindet wie alles Freie und es brannte darauf, dazuzugehören: Märtyrer für die Sache der Kaschper, mit dem Herzschwert für deren falschen Ton ins Feld! Oder wars bloß mein Gesicht für die Grimasse hinter der Maske, mein Nachtbild derer, die schweißnass in ihren Löchern liegen, wenn die wahre Minute sie niederzwingt, wenn sie standhalten müssen ohne zu schmieren? oder bloß kindliches Gespür für den letzten verdrehten Rest Mysterium , fürs alte Spiel mit seinen rituellen Spielern, die Ahnung, dass nur einer, der mit festen Riesenfüßen zum Chaos übertritt, ins Ungeheure mitreißt, ins wirkich Wahre, um der viel zu wahrgenommenen Welt mit seinem falschen Ton den Kampf anzusagen?
Wenns aber so war, wenn es das war, und ich darum an allen vier Theaterecken darauf lauerte, den Schrecken zu erfahren, den Stoß zu empfangen, der mich hinüberstoßen sollte in den unmarkierten Raum, um daher wiederum Gewißheit zu erlangen, dass die Welt nicht alles ist, was der Fall ist, dann danke ich den Kaschperln, Hanseln, Wursteln, den Narrenspielern, Harlekinen und Schmieranten.



[Aus: "Zimzum", Ulla Berkéwicz]

(Um wieviel mehr die Literatur sich selbt als frei erfundene Figur sucht und in gleicher, doch anderer Narretei sich verzahnt. Des Stosses ins Chaos ebenso bedürfend)


>>>

[Painting by Vladimir Kern]


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Harlekin

Montag, 31. Oktober 2005

Samhain Märchen


[Folgende Geschichte ist nicht von mir; sie wird, in zig Abwandlungen, seit geraumer Zeit weitererzählt; war, in ebenso vielen Abwandlungen, schon Gegenstand einiger Erzählungen der fantastischen und sog. feministischen Literatur und verliert trotzdem nie an Zauber. Auch ich erzähle sie jedes Mal ein wenig anders; hier die heutige Version, wir würden sagen "wie die Zunge schlägt":]



Die Frau tanzte. Bodennebel war aufgekommen und tauchte die Szenerie in eine chtonische Atmosphäre, schluckte die Wärme des Feuers ebenso wie die Sicht, so dass der Mann ein wenig näher zum Zentrum rückte. Doch er vermied es, den Kreis zu berühren, eine unsichtbare, vor einigen Stunden mit einer Weidenrute gezogene Linie im Gras der Lichtung. Seine verschränkten Finger gruben sich ineinander, die Ungeduld ließ sein hartes Gesicht noch angespannter wirken und machte ihn unruhig. Trotzdem schwieg er, störte nicht das Ritual, das sich unter einem blassen, höher steigenden Mond vollzog und dessen Regeln ihm fremd waren. Seit mehreren Stunden tanzte die Frau schon, ihre Füsse furchten seltsame Schrittfolgen in die Erde, wirbelten sie auf; ein langsam entstehendes Muster, das vor seinen Augen aufflimmerte, sobald er versuchte, es zu fixieren.
Nun wurde die Trommel beiseitegelegt und die Tänzerin fiel in einen Singsang, während ihre Füsse schneller und schneller über den Boden glitten. Dunkel und dumpf schien der Wald zu antworten, Stimmen von allerlei Getier erhoben sich leise und fielen in rollendem Rhytmus in die Laute am Feuer ein, ballten sich zu Klangwellen, die vor und zurück ebbten und mit jeder neuen Woge intensiver wurden, sich zu Obertönen verdichteten. Ein Tropfen Blut fiel auf den Sand nahe der Glut, der Atem der Frau wurde schneller und schneller. Noch ein Blutstropfen fiel und noch einer, bis am Ende sieben Tropfen am Feuer lagen. Abrupt endete der Tanz, in der Ferne verhallte das Geräusch von Krähen- und Eulenstimmen, ein für die Jahreszeit ungewöhnlich warmer Wind kam auf und ließ das Novemberlaub trocken und hell flüstern.
Im Zentrum der Lichtung war die Frau auf die Knie gesunken, ihre Silhouette zeichnete sich dunkel gegen das Feuer. Leise, von den im Wind murmelnden Blättern übertönt, hauchte sie fremde Worte in die Nacht, vielleicht bewegte sie auch nur die Lippen. Berührte dabei die roten Tropfen, wiegte sich vor und zurück, griff dann in den Sand. Sie erhob sich, drehte sich um, sieben rote, glatte Steine in der Rechten. Auch der Mann war aufgestanden.
"Gib sie mir", sagte er mit unverhohlener Gier.
"Gib Du mir erst, was Du mir geraubt".
Er nahm einen milchigen Stein aus seinem Wams, betrachtete ihn. Nichts besonders Wertvolles, eine schöne Arbeit aber kein wertvolles Material. Seine Ringe waren mit prunkvolleren Edelsteinen besetzt. Er warf den Stein in den Kreis, vor die Füsse der Frau: "Da hast Du Deine Seele oder was auch immer Du so nennst". Zärtlich hob sie den Stein auf, rieb den Sand an ihrem Kleid ab und drückte das Weiß an ihre Brust.
"Gib sie mir jetzt, Hexe!" verlangte er schneidend. Sieben blutrote Steine flogen vor ihn ins Gras. Hastig hob er sie auf, betrachtete zufrieden das dunkle Glimmen. Ja, diese waren echt. Er wandte sich seinem Pferd zu, das etwas abseits angebunden stand.

"Warte", kam es leise aus dem Kreis. "Du musst etwas Wichtiges über diese Steine wissen".
"Was sollte ich noch über sie wissen, als dass ich mit ihnen meinem Bruder die Frau, das Land, die Treue seiner Kinder und Männer, die Krone und seinen gesamten Besitz nehmen kann?"
"Das ist richtig. Aber wenn Du den siebten Stein benutzt, wird Deine Seele dem Wahnsinn anheimfallen und Du wirst ein Gehetzter werden zwischen den Welten: Gejagt von den Geistern, ausgestossen und verabscheut von den Menschen".
Laut lachte er auf.
"Das ist mir nicht neu, Weib! Ich bin kein Narr. Es ist ganz einfach: Ich muss nur den siebten Stein nicht benutzen".

Das Feuer war erloschen, nur ein sanftes Licht, das von dem weißen Stein ausging, erhellte die Lichtung dürftig.
"Sag mir, Mann", antwortete die Frau, während sie mit dem Wald und dem Nebel verschwamm, so dass nur ihre Stimme blieb, wie ein Echo:
"Welcher Stein ist der siebte?"


(Einen besonderen Gruß an Morgaine)



apfelmond


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