Zero. Imperfekt [Fragment]

Und die Henne, wie im Buch, saß immer noch im Hinterzimmer des Krämerladens und versuchte, den Bücherkarawanen, die mit Amir kamen und gingen, die Natur des Leides zu erklären. "Die Götter haben die Sprache nicht erfunden", rief sie jedem neuen Buch zu und es war auch der letzte Satz, den sie an die Bücher zu richten pflegte, wenn Amir sie wieder mitnnahm. Er hörte die Henne nicht sprechen. Jeden Morgen nahm er ein Ei aus dem Nest, nie waren es zwei, und, wie im Buch, enthielt jedes dieser Eier eine Stunde Lebenszeit, die Samstagseier sogar einen ganzten Tag. Doch auch davon ahnte Amir nichts. Im kühlen Dämmerlicht hinter dem Krämerladen las er, was die kleine Bibliothek des Ortes hergab, las mit solcher Inbrunst, presste mit leiser Stimme die Sätze aus den Seiten, dass die Bücher unter seinem Blick ächzten. Ohne sein Zutun war Amir wieder dort angelangt, wo er sich befand, bevor er in den Krieg gezogen war. Er aß zwei Eier die Woche, badete im örtlichen Badehaus und mied dort den Dampf, der ihm das Lesen unmöglich machte. Sein Blick für die Welt war stumpf, all seine Schärfe war in der Raserei der Kriegsjahre verbrannt. Ob Weib, ob Schlachtkamerad, Gelehrter oder Kind, er sah durch die Menschen hindurch wie durch Glas. Nur wenn er über Buchseiten glitt, verlor sein Blick das Trübe und wurde weit, wenn auch nicht so klar wie früher. Mit der Zeit mieden die Nachbarn ihn, Einladungen wurden spärlicher ausgesprochen, sein Platz im Bad unflankiert.




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